Jenzig-Gesellschaft e.V.

 
 
 
 

Die Nachkriegsjahre

Das politische Geschehen nach 1945 und dessen Auswirkungen auf die Jenzig-Gesellschaft

Nun begann die zermürbende Geschichte der nicht gewünschten Eingliederung der Jenaer Berggemeinden in den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, wobei der berechtigte Verdacht bestand, dass diese Eingliederung mit der Enteignung des Vereinseigen-tums enden würde. Ehe sich aber dieser Prozeß ins Dramatische steigerte, wurde die Jenzig-Gesellschaft noch mit einer anderen unangenehmen Sache belastet. Vorausgehend muß jedoch noch erwähnt werden, dass Wilhelm Härdrich am 6. März 1946 in Jena verstorben war und ihm noch kurz vor seinem Tode eine Änderung seines Stiftungsstatutes abgetrotzt wurde, durch die die Stadt Jena von Amtswegen im Vorstand der Stiftung verankert wurde und dem Oberbürgermeister der Vorsitz eingeräumt wurde. Es liegt ein Schreiben vom 20.03.1946 vom Amtsgericht Gera vor und eine Einladung des OB vom 02.04.1946 in dem der Jenzig-Gesellschaft mitgeteilt wird, dass sie Schulden bei der Wilhelm-Härdrich-Stiftung habe. Diese Angelegenheit wird in den Archivakten der Jenzig-Gesellschaft anfangs etwas mysteriös dargestellt.

Einmal heißt es: „Der Jenaer Oberbürgermeister war in Sachen Härdrich-Stiftung in Essen und Duisburg. Plötzlich werden Gelder in der Stiftung erwähnt, die die Jenzig-Gesellschaft erhalten haben soll. Im Statut, das W. Härdrich verlesen hatte, stand jedoch solches nicht“.

Ein andermal aber heißt es: „Die Zinsen auf das Darlehen des Wilhelm Härdrich zum Umbau des Jenzighauses (Bad u.a.) und zur Erhaltung der Anlagen auf dem Berg und die Pachtsenkung kann die Jenzig-Gesellschaft nicht tragen, sie waren während des Krieges ausgesetzt worden, um den Wirtschaftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Jetzt sollen sie wieder an die Stiftung gezahlt werden“. Bei dem Darlehen handelte es sich um 23.000 M. Im Frühjahr 1948 wird diese Angelegenheit so bereinigt, dass das Darlehen komplett an die Wilhelm-Härdrich-Stiftung zu-rückgezahlt wird. Die Geldbeschaffung dafür erfolgte über die Ausgabe von zinslosen Darlehensscheinen an die Mitglieder. Es wurden an Mitglieder ausgegeben: 50 Stck. zu 100 M 200 Stck. zu 25 M 200 Stck. zu 50 M 300 Stck. zu 10 M.

Die Rückzahlung durch die Jenzig-Gesellschaft sollte nach einem Auslosungsverfahren erfolgen...

Bereits in der Vorstandssitzung am 15.09.1945 auf dem Jenzig, die P. Müller wieder als 1.Vorsitzender im Auftrag des Dr. Koch, Kulturamt Jena und der russ. Kommandantur eröffnete, berichtete er, dass sich die Jenzig-Gesellschaft geschlossen im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands anmelden soll.

Und weiter: Es ruhen alle Aktivitäten der Gesellschaft und es finden keine Veranstaltungen statt. Es werden abwartend die Befehle von „Oben“ erwartet. Trotzdem trifft sich der Vorstand in den Jahren 1945/46 und 47 regelmäßig in gewissen Abständen. In diesen Beratungen wird jedoch fast ausschließlich die schon im letzten Beitrag dargestellte Problematik des plötzlich aufgetauchten Darlehens, seiner Tilgung der anfallenden Zinsen und letztlich die Rückzahlung behandelt. Man führte auch die Pflegearbeiten am Berg und Haus ständig weiter, aber über besondere Veranstaltungen wird in den Unterlagen nicht berichtet. Erst in der Vorstandssitzung am 21.01.1948 im „Deutschen Reich“ geht man wieder die Ausrichtung des 45. Stiftungsfestes an und will die Familienabende wieder fortsetzen. Man kann auch über 26 Neuanmeldungen berichten. Am 22.02.1948 findet dann wieder die erste Hauptversammlung seit 1939 im Jenzighaus mit 81 anwesenden Mitgliedern statt. Es werden die Auswirkungen des Krieges auf die Jenzig-Gesellschaft dargestellt und der im Krieg Gefallenen, durch Bombenangriffe Um-gekommenen und noch in Kriegsgefangenschaft Befindlichen gedacht und man denkt auch an die durch die Besatzungsmächte deportierten Wissenschaftler und Experten aus den Reihen der Gesellschaft. Die durch Bombenangriffe am Fußweg entstandenen Schäden wurden behoben, mit der Ausbesserung der Fahrstraße begonnen und die Beziehungen zu den Nachbar-gemeinden wurden wieder aufgenommen. Auch das Jenzighaus hatte durch den Krieg Schaden genommen, aber es fehlt noch an Material für die Reparaturen.

Am 31.12. 1947 zählte die Jenzig-Gesellschaft 614 Mitglieder und die Gesangsabteilung bestand aus 48 Sängern und 21 Passiven. Die bereits im September angekündigte Eingliederung der Jenzig-Gesellschaft in den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands wurde bisher durch den Vorstand der Gesellschaft ignoriert oder aber umgangen. Es fanden in dieser Angelegenheit ständig Beratungen mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung statt. Ende 1947, Anfang 1948 wird der Druck in diese Richtung seitens der zuständigen staatlichen Stellen aber deutlicher, härter und letztlich zwingend. Diesem Druck noch ausweichend, wendet sich der Vorstand der Jenzig-Gesellschaft 1948 mit einem Schreiben an den sowjetischen Stadtkommandanten von Jena mit der Bitte um das weitere Fortbestehen des Vereines und einer Weiterarbeit nach den Statuten. Dieses Schreiben wurde vom Jenaer Kulturamt weitergeleitet und vom sowjetischen Stadtkommandanten genehmigt. Die Jenzig-Gesellschaft soll im Sinne ihrer Statuten weiterarbeiten. Daraufhin erfolgt die Registrierung des Vereins bei der Polizei unter der Vorlage dieses Schreibens. Man dachte, nun wäre alles überstanden. Doch falsch gedacht!

Im März 1949 ergeht die Auflage des Kulturbundes an die Jenzig-Gesellschaft die Anschriften aller Mitglieder, die mit den bisherigen Absprachen zwischen dem Vorstand und dem Kulturbund einverstanden sind, zu melden. Es soll eine Beitragsrückzahlung für die Jahre 1945/46/47 in Höhe von 20 DM / Mitglied und für das Jahr 1948 in Höhe von 2 DM entrichtet werden. Im April 1949 finden wöchentlich, manchmal täglich aufeinander folgend, Beratungen und Schriftwechsel zwischen dem Vorstand, dem Kulturbund, aber auch dem Oberbürgermeister statt.

Es geht in dieser Zeit um ein Schreiben vom Kulturamt: „Informationen zur einer 2.Durchfüh-rungsbestimmung zur erlassenen Verordnung über die Überführung der Volkskunstgruppen  und Volksbildenden Vereine in die bestehenden demokratischen Massenorganisationen vom 12.Januar 1949 im ZVOBl. "

Diese 2.Durchführungsbestimmung wurde jedoch nie im ZVOBl. veröffentlicht, hatte also nie Rechtskraft! Sie soll sich beschäftigt haben mit der Enteignung der Vereine. Trotzdem handeln die staatlichen Stellen nach dieser Verordnung was den Vorstand zu Protestschreiben bis zu Berliner Instanzen veranlasst. Obwohl man immer wieder von dieser und jener Stelle verspricht, dass es zu keiner Enteignung der Vereine kommt, deutet doch alles darauf hin. Höhere Instanzen fordern am 07.04.1949 den Zusammenschluss aller Vereine im Kulturbund. Dieses betraf den Fuchsturm, den Jenzig und die Lobdeburg. Sie sollen dem Kulturbund unterstellt werden. Der Vorstand der Jenzig-Gesellschaft weigerte sich weiterhin vehement gegen die Eingliederung in den Kulturbund, da oft ausgehandelte Vertragsabsichten plötzlich von den staatlichen Stellen ignoriert wurden und veränderte Texte zur Unterschrift vorgelegt wurden. Aber dann passiert folgendes:

In der Vorstandssitzung am 26.11.1949 im Jenzighaus meldet der 1.Vorsitzende:

„Die Jenzig-Gesellschaft und die Lobdeburg-Gemeinde wurden am 19.09.1949 auf polizeiliche Anordnung aus dem Vereinsregister gelöscht"! 

Damit hatten diese Vereine ihre juristische Berechtigung verloren, sie existierten juristisch nicht mehr. Dieser Akt muß als eindeutige Repressalie gegen diese beiden Vereine gewertet werden, um sie für die Eingliederung in den Kulturbund gefügig zu machen. Der Vorstand hat bis zum Jahre 1954 alles Mögliche unternommen, um die Wiedereintragung in das Vereinregister zu erreichen. Diese Aktivitäten lesen sich wie eine Odyssee, waren jedoch vergeblich. Was man immer befürchtet und geahnt hatte, trat dann 1954 ein: die Enteignung der Jenzig-Gesellschaft!

Die Jenzig-Gesellschaft wird jedoch über diesen Enteignungsakt gar nicht informiert. Am 01.01.1954 bekommt Ernst Schmaler, Jenzigwirt, mündlich Bescheid, dass das Jenzighaus ab sofort Volkseigentum sei und er seinen Pachtzins an die Stadtkasse zu entrichten habe. Er informierte darüber den Vorstand. Daraufhin geht der 1.Vorsitzende, Paul Müller, zum Grundstücksamt, um sich hier zu erkundigen. Der Besuch des Grundstücksamtes durch Paul Müller ist vergeblich. Es wir ein Schreiben an das Katasteramt Gera abgeschickt mit der Anfrage, was hier eigentlich passiert ist. Paul Müller und Hans Wohlmacher fahren nach Gera, da bisher kein Bescheid eingegangen ist. Antwort aus Gera: „In 14 Tagen soll in Jena eine Verhandlung in Sachen "Staatliches Eigentum" stattfinden.“ P. Müller und H. Wohlmacher gehen zu dieser im Jenaer Grundstücksamt anberaumten Beratung, zu der aber Gera nicht erschienen ist. Und so geht das Bemühen, Klarheit in die Enteignungsangelegenheit zu bekommen, bis ins Jahr 1957...

  • Die Enteignung war endgültig. Später kann man im Grundbuch lesen: „Das Eigentum der Jenzig-Gesellschaft ist in Volkseigentum unter der Rechtsträgerschaft der Stadt Jena überge-gangen...“ Noch immer stand jedoch die Rückzahlung der auf dem ehemaligen Eigentum noch stehenden bereits erwähnten Darlehensscheine offen. Die Rückzahlungspflicht dieser Darlehensscheine konnte nach zähen Verhandlungen der Stadt Jena zugeordnet werden. Trotz des schnöden Umgangs der neuen staatlichen Ordnung mit den verdienstvollen Vereinen und besonders mit der Jenzig-Gesellschaft, welches besonders den Vorstand stark strapazierte, gingen das Vereinsleben und die Pflegearbeiten an Berg und Haus seinen gewohnten Gang.
  • 1949 beging die Sängerabteilung ihr 20-jähriges Bestehen. Der geplante Anbau eines Zimmers am Jenzighaus wird wegen Geldproblemen verschoben. 1949 wird am „Deutschen Reich“ ein Aushangkasten angebracht mit Informationen über geplante Vorhaben und es kann berichtet werden, dass die Sippungen an den Sonnabenden trotz Währungsreform gut besucht  sind. Auch die monatlichen Familiensippungen wurden wieder eingeführt und es ergeht Dank an die Vereins-Kapelle "Rolle". Der Führsteher bleibt wie zu Wilhelm Härdrichs Zeiten stimmberechtigtes Mitglied im Vorstand der Wilhelm-Härdrich-Stiftung und der Vorstand bedankt sich beim Jenzigwirt, Ernst Schmaler und Frau, für das Durchhalten in den schwierigen Zeiten.

In der Jahreshauptversammlung am 27.04.1950 im Jenzighaus kann vermeldet werden:

  • Die Jenzig-Gesellschaft bleibt bestehen, wird aber eine Sektion des Kulturbundes.
  • Zur Instandsetzung des Fuß- und Fahrweges folgten Arbeitseinsätze mit ca. 80 Teilnehmern.
  • Zu Sippungen, Vorträgen, Kulturabenden u.s.w. hatten sich im vergangen Jahr 2500 Gäste in das Besucherbuch eingetragen.
  • Es wurden durchgeführt div. Wanderungen, eine Sängerfahrt, eine Himmelfahrtspartie, eine Fahrt in den Thüringer Wald sowie ein Heimatabend.
  • Die Singschar bestand aus 64 aktive Sängern und 24 Passiven.

Auch die Enteignung 1954 konnte den Mut und den Einsatzwillen der Jenziger für "ihren" Berg nicht brechen!

-wird fortgesetzt-